Das Ahrtal erfindet seine Brücken neu

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In Hönningen ist ein weiterer Meilenstein des Wiederaufbaus jetzt sichtbar: Der Überbau der neuen Brücke „Vor Kiehren“ ist Mitte August eingehoben worden. Die Brücke steht exemplarisch für eine Aufgabe, die das Ahrtal seit der Flutkatastrophe 2021 beschäftigt. Denn die Wassermassen zerstörten im Tal 40 bis 60 Prozent der Brückenbauwerke. In der Verbandsgemeinde Altenahr sind von mehr als 100 kommunalen Brücken 80 zerstört worden - von kleinen Bachquerungen über Wirtschaftswegebrücken bis hin zu großen Ahrquerungen. Sie alle wieder aufzubauen, ist eine logistische Herausforderung, die viel Fachwissen benötigt und Zeit kostet.

Einige Bauwerke sind bereits fertiggestellt, andere befinden sich im Bau oder in der Planung. Gemeinsam verfolgen sie ein Ziel: Verbindungen zurückbringen und gleichzeitig Brücken schaffen, die widerstandsfähiger gegen Hochwasser, nachhaltiger und zukunftsfähiger sind als ihre Vorgänger. Die neue Brücke „Vor Kiehren“ zeigt beispielhaft, wie dieser Anspruch umgesetzt wird. Das rund 4,9 Millionen Euro umfassende Projekt erhält eine Spannweite von 49 Metern und kommt künftig ohne Mittelpfeiler aus. Damit folgt die Brücke einem Grundprinzip, das den Wiederaufbau im gesamten Ahrtal prägt: Der Ahr mehr Raum zu geben und den Wasserabfluss bei Hochwasser zu verbessern.

Warum die neuen Brücken anders aussehen

Die Flutkatastrophe hat viele historische Brücken unwiederbringlich zerstört. Gleichzeitig hat sie wichtige Erkenntnisse hervorgebracht. Die neuen Brücken sollen also nicht einfach die Bauwerke ersetzen, die bis 2021 das Tal prägten. Sie sollen sich ins jeweilige Landschaftsbild einfügen und zugleich den Herausforderungen der Zukunft standhalten.

Deshalb entstand bereits kurz nach der Flut ein gemeinsames Gestaltungshandbuch für die Brücken im Ahrtal. Daran beteiligt waren unter anderem die Verbandsgemeinde Altenahr, der Landesbetrieb Mobilität, die Deutsche Bahn, weitere Kommunen und Planungsbüros. Das Ziel: technische Anforderungen, Hochwasserschutz, Nachhaltigkeit und regionale Identität miteinander zu verbinden. Im Mittelpunkt steht eine einfache, aber entscheidende Erkenntnis: Die Ahr braucht im Hochwasserfall mehr Raum.

Viele der früheren Brücken verfügten über Mittelpfeiler im Fluss oder vergleichsweise geringe Durchflussquerschnitte. Verstopfungen durch Treibgut – Fachbegriff Verklausung - verstärkten vielerorts die Auswirkungen der Flut. Künftige Brücken werden deshalb möglichst pfeilerfrei geplant, mit größeren Spannweiten, hochgesetzten Widerlagern und besonders strömungsgünstigen Konstruktionen. Ziel ist es, Hindernisse im Gewässer zu minimieren und die Widerstandsfähigkeit der Bauwerke deutlich zu erhöhen. Viele Brücken im Ahrtal werden nicht nur hochwasserangepasst gestaltet, sondern auch auf besonders tragfähigen Gründungen errichtet. Dafür kommen je nach Standort Tiefengründungen bzw. Bohrpfähle zum Einsatz, die tief im Untergrund verankert werden und die Bauwerke gegen Unterspülung sichern.

Brücken als Symbol für Verbindung

Brücken erfüllen im Ahrtal jedoch nicht nur eine technische Funktion. Sie stehen für Verbindung – zwischen Orten, Menschen und Lebensräumen. Genau diese Bedeutung wurde nach der Flut besonders sichtbar. Wo früher wenige Minuten Fußweg lagen, entstanden plötzlich lange Umwege. Nachbarschaften wurden voneinander getrennt, gewohnte Wege konnten nicht mehr genutzt werden. Brücken wurden dadurch zu einem Symbol für das, was der Wiederaufbau leisten soll: Verbindungen wiederherstellen und neue Perspektiven schaffen.

Für die Planenden gehört deshalb auch die Gestaltung zu den wichtigen Aufgaben. Die neuen Bauwerke sollen modern sein, ohne beliebig zu wirken. Sie sollen technisch leistungsfähig sein und gleichzeitig einen Bezug zur Kulturlandschaft des Ahrtals herstellen. Das Gestaltungshandbuch spricht deshalb von einer gemeinsamen „Brückenfamilie“, die sich durch wiederkehrende Formprinzipien, Materialien und Gestaltungsmerkmale auszeichnet. Jede Brücke bleibt ein Unikat, soll aber dennoch Teil eines gemeinsamen Ganzen sein.

Nachhaltigkeit wird mitgebaut

Der Wiederaufbau verfolgt nicht nur das Ziel, Brücken hochwassersicherer zu machen. Auch Nachhaltigkeit spielt eine wichtige Rolle. Bei der Brücke „Vor Kiehren“ kommt beispielsweise klimafreundlicher Beton zum Einsatz. Dabei wird ein Teil des Zements durch alternative Stoffe ersetzt, wodurch der CO-Ausstoß bei der Herstellung reduziert werden kann. Die Verbandsgemeinde Altenahr setzt diesen Ansatz bewusst ein, um auch beim Wiederaufbau neue Wege zu gehen.

Wie innovative Baustoffe in der Praxis aussehen können, zeigen die drei Fußgängerbrücken im Sahrbachtal. Sie wurden 2024 fertiggestellt und gehören zu den ersten Brücken in Rheinland-Pfalz, bei denen Carbonbeton verwendet wurde. Der Werkstoff benötigt weniger Material als herkömmlicher Stahlbeton und ermöglicht schlankere Konstruktionen. Gleichzeitig konnten wichtige Wanderwege wieder durchgängig nutzbar gemacht werden.

Auch Naturschutzbelange werden bei der Planung berücksichtigt, da zahlreiche Bauvorhaben in einem sensiblen Naturraum umgesetzt werden.

Viele Projekte, eine gemeinsame Idee

Während die Brücke im Sahrbachtal oder die Weinbaubrücke in Dernau schon fertiggestellt sind, sind weitere Vorhaben in Planung, darunter die Nepomukbrücke in Rech, die mit einer Spannweite von rund 60 Metern ebenfalls ohne Pfeiler in der Ahr auskommen soll. Auch verschiedene Brücken in Altenahr, Mayschoß, Reimerzhoven und anderen Orten werden derzeit geplant oder vorbereitet.

Mit der Einhebung der Brücke „Vor Kiehren“ steht deshalb nicht nur ein einzelnes Bauwerk im Mittelpunkt. Sichtbar wird vielmehr ein Wiederaufbau, der aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt hat – und der Brücken als das versteht, was sie im Ahrtal schon immer waren: Verbindungen zwischen Menschen, Orten und Zukunftsperspektiven.

Die Brücke vor Kiehren: ist eine 49 Meter lange Wirtschaftswegebrücke aus umweltfreundlichem Beton. Einhub August  2026.

Weinbaubrücke Dernau: Erste wiederaufgebaute Ahrbrücke in hochwasserresilienter Bauweise.

Drei Fußgängerbrücken über den Sahrbach und den Effelsberger Bach sind aus innovativem Carbonbeton gebaut.

Die Nepomukbrücke in Rech (Spannweite 60 Meter): war eine der bekanntesten Brücken des Ahrtals und wird ohne Pfeiler neu errichtet. Geplante Fertigstellung 2028.

Die Brücke zur Jugendherberge in Altenahr soll 2027 fertiggestellt sein.

Bei dem Ersatzneubau Brücke Altenburger Straße in Altenahr handelt es sich um eine Straßenbrücke mit Geh- und Radweg. Fertigstellung 2028.

Brücke Sportplatz, Mayschoß: Ersatzneubau mit einer neuen Niedrigwasserbrücke für den Kfz-Verkehr (Fertigstellung 2026) und einer hochwasserangepassten Fuß- und Radwegbrücke im Ort (Eröffnung 2028).

Die Straßenbrücke Steinbergsmühle: wird bis 2028 saniert.

Die Brücke in Pützfeld wird 2029 saniert oder neu gebaut. Genutzt werden kann sie dann von Fußgängern und Radfahrern.